12. Das Steinchen

Hoch oben auf dem Berg droben
liegt ein ganz kleiner Stein.
Der weiß nichts von gestern, weiß nichts von morgen,
zufrieden, ein Steinchen zu sein.
Er liegt einfach da, Jahr für Jahr,
weiß gar nichts von der Welt,
bis sich eines schönen Tags ein anderes,
ein ganz rundes, zu ihm gesellt.

Das erzählt ihm von Wasser, von Fluten und Wogen
und wie es ein Kiesel geworden,
wie es das Wasser davongetragen,
geschwemmt hat zu ganz fernen Orten.
Es erzählt ihm, wie es sich an andern geschliffen,
berichtet vom großen Meer
und weckt in dem kleinen unscheinbaren Stein
unendliche, unstillbare Sehnsucht nach mehr
als er in seinem bescheidenen Leben
bisher kennen gelernt.
Und er fängt an zu hoffen und ehrlich zu beten,
dass ihn von dort wer entfernt.

Und der, der das Steinchen ursprünglich geschaffen,
erhörte sein sehnliches Flehn.
Denn für die, die aufrichtig auf ihn hoffen,
lässt er Wunder geschehn.
Es kam ein Regen wie ihn zuvor
dort oben noch niemand erlebt.
Es kam ein Brausen, ein Donnern und Grollen,
der ganze riesige, mächtige Berg hat gebebt.

Das Steinchen vernahm es mit flauem Gefühl
und ließ sich etwas bewegen.
Und rollte erst langsam, dann immer schneller
lebendigem Wasser entgegen.
Dann kam der Moment, das muss es bekennen,
vor dem war ihm etwas bange.
Mit all seinem Mut sprang es in die Flut
und hoffte, dass es jemand ganz sanft auffange.

Das Wasser nahm es ganz liebevoll auf
und trug es sacht den Fluss entlang.
Die anderen Steine hörten von weitem
den fröhlichen Steinchengesang.
Und als sie es hörten, da wurde in ihnen
die gleiche Sehnsucht geweckt.
Mit der Zeit warn auch sie soweit
und haben sich nach der lebendigen Flut ausgestreckt.

Und der, der die Steinchen ursprünglich geschaffen …

So kam es, dass auf dem riesigen Berg
eine ganze Lawine entstand.
Und das nur, weil anfangs ein winziges Steinchen
zu einem andern gesandt.
Ich denke, du weißt sicher genau,
warum ich das alles erzähle:
Du bist ein Steinchen und Gott ist die Flut,
und er sagt zu dir heute: Wähle:

Zwischen dem Leben hoch auf dem Berg,
wo man scheinbar sicher wohnt
oder dem Weg zum unendlichen Meer,
wo er deine Sehnsucht belohnt.

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